Christiane Erdmann
& Wulf Winckelmann

Kuratierende Künstler*innen

Wiesbaden | Künstlerpaar am, im und beim Bau(en)

Fotos: Hans-Jürgen Herrmann und Sabrina Müller | Text: Volker Stahr

»Unser Kind, es begleitete uns früher bis zum Küchentisch. Und zuweilen bis ins Schlafzimmer«. Eigentlich kein ungewöhnlicher Satz, wenn Eltern über ihr Kind sprechen. Ungewöhnlich nur, wenn das Kind sich auf fast 5.000 Quadratmetern Fläche ausbreitet, mehrere Stockwerke Höhe einnimmt und ein ganzes Ensemble alter Fabrikgebäude mitten im nobel-beschaulichen Kesselbachtal am Rande der Wiesbadener Kernstadt ist. Die Walkmühle – Sie bezeichnet das Künstlerpaar Christiane Erdmann und Wulf Winckelmann liebevoll als »unser Kind«. Immerhin ist es seit rund zweieinhalb Jahrzehnten Teil ihres Lebens und eigentlich erst vor vier Jahren erwachsen geworden. Die Walkmühle, einst im Nukleus ein Waisenhaus und eine alte Mühle, später eine Brauerei, wovon noch heute Sud- oder Brauhaus zeugen, und eine Reinigung. Irgendwann besetzten Künstler*innen das mittlerweile mächtig in die Jahre gekommene Ensemble. Vor zweieinhalb Jahrzehnten entstand dann rund um Erdmann und Winckelmann mit einer kleinen Schar Mitstreiter*innen – vom Architekten bis zu weiteren Künstler*innen – der Künstlerverein Walkmühle. Über Jahre hinweg arbeiteten sie Pläne aus, um es zu sanieren – und, fast wichtiger noch, es zu betreiben; inklusive Businessplan für mehrere Jahrzehnte. Mit der Stadt, der das Ensemble mittlerweile gehörte, 14 bis 15 Millionen Euro sowie unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden machte das Team daraus ein sehr feines Atelier- und Ausstellungsensemble, in dem auch andere kreative Gewerke Einzug hielten.

Auf den Punkt gebracht ist die Walkmühle heute eines von wohl nur zwei oder drei maßgeblich von Künstler*innen initiierten, organisierten und betriebenen Häusern dieser Art und vor allem Größe im Rhein-Main-Gebiet. Heute ein Leuchtturmprojekt (mit einem echten Turm sogar). Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg ein »Kind«, das offenbar viel Freude bereitete, aber zugleich manch Opfer und schlaflose Nacht. Beide hatten in dieser Zeit schon ihre Ateliers in den im Werden befindlichen Gebäuden, noch teils ohne Heizung und fließendes Wasser. Über rund zwei Jahrzehnte. Bis zur Volljährigkeit des Kindes, der Neueröffnung vor vier Jahren, sozusagen. »Neueröffnung mit Fußbodenheizung«, wie Winckelmann eigens hervorhebt. Und das ist ohne Zweifel eine ungewöhnliche Geschichte. Eigentlich sind beide »nur« Bildende Künstler*innen, sie eine Holzbildhauerin, er ein Maler, beide noch mit einem Faible für Fotografie. Vereinfacht: Bei ihm entstehen die Bilder meist durch Auftragen von Schichten, bei denen nach und nach Landschaften auf einer Leinwand wachsen. Weite Horizonte dominieren. Etwas Philosophisches. Bei ihr entstehen Figuren meist durch Abtragen von Schichten, wenn sie beginnend mit der Kettensäge nach und nach in mehreren, durchaus dann auch feineren Schnitten eine ganze Menschenansammlung oder einen kleinen Tierpark entstehen lässt. Das subtile Detail zu Tage fördernd, bis hin zum Inneren von Handtaschen oder im Blick auf ironisch-bösartige Alltagsszenen. Zugegeben: beides sehr vereinfacht. Zuweilen arbeiten beide auch gemeinsam an Projekten.

Ihre Kunst hat beide zu renommierten Künstler*innen gemacht, auch im Ausland gefragt. Und doch scheinen sie untrennbar mit dieser Walkmühle verbunden. 40 Stunden pro Woche hat Winckelmann nach eigener Rechnung in den letzten Jahrzehnten dort an deren Zukunft gearbeitet (20 weitere wohl an seiner eigenen Gegenwart), Erdmann verbringt fast jeden Tag in der Mühle, in ihrem Atelier. Eine Wohnung besitzen sie angeblich auch noch. Altbau, nicht weit entfernt. Nicht gerade klein und voller Kunst und Antiquitäten. Zum Schlafen und bei Mahlzeiten träfen sie sich dort laut eigener Aussage regelmäßig. Gäste sollen sich dort zuweilen auch einfinden. Ansonsten sind sie wohl am und im Bau Kuratierende und Bildende Künstler*innen. Eine Besonderheit dabei: »Ihre« Walkmühle – die natürlich nicht ihre, sondern das Werk von vielen ist – ist Schaufenster für viele Kolleg*innen. Sie selbst hingegen, wie auch die anderen Betreibenden, stellen sich dort nicht aus. Etwa zwei größere Ausstellungen, teils kuratiert von Erdmann, präsentieren sie übers Jahr (derzeit eine über viel Tier und etwas Mensch in der Stadt), hinzu kommt eine Verkaufsschau über »Die Kunst zu schenken«, welche die Walkmühle jedes Jahr in den Adventswochen zeigt; sorgsam kuratiert natürlich. Die Kunst, sie liegt nicht nur dabei im Detail. Kunstvoll im doppelten Wortsinn ist auch das kleine Board im Entrée-Café der Walkmühle. Feine Kataloge des eigenen Verlages zeugen von den vielen Ausstellungen der letzten Jahre. Ins Auge sticht einer: Porträts von Menschen. Adi, Konstantin, Krystian, Ovidio. Schwarzweißfotos. Kaum mehr. Der eine oder andere hat mal ein Werkzeug in der Hand. In diesem Buch haben sie – festgehalten durch die Kamera von Christiane Erdmann – den Gewerken, Handwerkern und Bauarbeitern eine Hommage (ausnahmsweise trifft es diese männliche Form bis auf eine Ausnahme tatsächlich) gewidmet. Nur ein Detail für die Art, wie dieses Kleinod der Kunst in einem versteckten Winkel von Wiesbaden betrieben wird. Aber ein sehr beredtes.

Während dieses Porträt über Erdmann und Winckelmann entsteht, treibt der Sinn für die Kunst, das Schöne und die Details die beiden Protagonist*innen hinaus zu einem anderen ihrer Domizile. Ein Abstecher zu ihrem Ferienarbeitsquartier im sonnigen Griechenland. Wahrscheinlich genauso kunst- und detailreich wie ihre anderen beiden Domizile in Wiesbaden … (_us.)

 

 

Christiane Erdmann
& Wulf Winckelmann

Wiesbaden

Genre:

Bildende Künstler*innen

Aktuelles:

Christiane Erdmann (Link)
https://www.christiane-erdmann.de/

Wulf Winckelmann (Link)
https://wulfwinckelmann.com/

Walkmühle (Link)
https://walkmuehle.net/

Lebenslauf

Christiane Erdmann:

Geboren in Bonn, aufgewachsen in Istanbul und Berlin
1969-1977 Studium der Bildhauerei und Fotografie, Werkkunstschule Wiesbaden.
seit 1980 freischaffende Künstlerin, Arbeit in Bühnenbildwerkstätten.
seit 1994 Schwerpunkt Holzbildhauerei
seit 2003 Kuratorin zahlreicher thematischer Gruppenausstellungen.
2009 Lehrauftrag für Bildhauerei an der Johannes Gutenberg-Universität.

Wulf Winkelmann:

1967 geboren in Freiburg im Breisgau
1989-1993 Studium und Diplom Kommunikationsdesign an der FH Mainz (Freie Grafik, Fotografie und Buchgestaltung).
1991-1996 Freischaffende Tätigkeit in den Bereichen Malerei, Fotografie und Design.
Künstlerische Buch- und Bühnenbildprojekte.
seit 1996 Arbeitsschwerpunkt Malerei.
2015 Brita Kunstpreis (3. Preis).

2005 waren beide Gründungsmitglieder des Künstlervereins Walkmühle, Wiesbaden.

Projekte und Ausstellungen

Gemeinsame Ausstellungen (Auswahl)

2020 Christiane Erdmann und Wulf Winckelmann
– Ein Künstlerehepaar • Galerie Bode, Nürnberg.

Weitere gemeinsame Ausstellungen zuletzt in:
Galerie Barbara von Stechow (Frankfurt, 2019 & 2025), Galerie Bengelsträter (Düsseldorf, 2018), Kunsthalle Wiesbaden (2020), Galerie Kerstner (Kronberg, 2017), Galerie Schmalfuß (Marburg, Berlin, 2016-2018, 2026).

Christiane Erdmann

Einzel- und Gruppenausstellungen in den letzten Jahren u.a. in Galerie Barbara von Stechow (Frankfurt), Galerie Bengelsträter (Düsseldorf), Nassauischer Kunstverein, Rubrecht Contemporary (beide Wiesbaden), Galerie Schmalfuß (Marburg, Berlin)

Vertreten auf Messen in Deutschland, Spanien, Niederlande, Schweiz, USA. Werke in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen.

Wulf Winkelmann

Einzel- und Gruppenausstellungen in den letzten Jahren u.a. in Kulturhaus Marne, Galerie Bode (Nürnberg), Kunsthalle Wiesbaden, Gallery Holly Snapp (Venedig), Galerie Hyper Cultural Passengers (Hamburg), Galerie Kerstner (Kronberg), Kunstraum Braugasse (Hoyerswerda)

Messebeteiligungen (Art Karlsruhe, NordArt). Internationale Kunst-am-Bau-Projekte. Werke in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen.

Werke: (Klicken zum Vergrößern)