Ina
Holitzka

Die auf der Walz

Frankfurt | Jeder Künstlerin wohnt ein Anfang inne

Fotos: Günther Dächert | Text: Alexandra Flieth

Nichts boomt in Frankfurt wohl derart wie das Bauen. Ob Ostend, Gallus oder Innenstadt – Überall werden permanent neue Büro- und Wohnblöcke aus dem Boden gestampft. Manche Teile der Stadt sehen aus wie eine einzige Großbaustelle. Vor allem das Ostend. So musste die Frankfurter Künstlerin Ina Holitzka einst im dortigen Atelierfrankfurt nur aus dem Fenster schauen, um die Projektionsfläche für ihr großangelegtes Kunstprojekt »Passage« frei Haus geliefert zu bekommen. Wie wohl keine zweite Künstlerin Frankfurts denkt, arbeitet und spielt sie mit der längst Synonym dieser Stadt gewordenen Baustelle. Sie fotografiert, verfremdet, digitalisiert, transformiert und interpretiert, was im wahrsten Wortsinn vor ihren Augen wuchs und wächst. Und macht(e) sich künstlerische Gedanken über das gleichsam manifeste und flüchtige Wesen und Werden dieser Stadt. Projekt trifft sich mit Projektion, Reflektieren mit Reflexion an diesem und auf diesen Ort.

Baustellen begleiten das Leben von Ina Holitzka. Auch in persönlicher Hinsicht. Denn jedes Mal, wenn sie in ein neues Atelier einzieht, steht für die Künstlerin erst einmal Renovieren an. Nicht immer freiwillig, aber aus ihrer Perspektive heraus notwendig. Und Atelierumzüge gab es über die Jahrzehnte so einige. Im Anschluss an ihr Studium an der Städelschule mit den Schwerpunkten Freie Plastik und Fotografie bezog sie Mitte der 80er Jahre in einem Hinterhaus der Textorstraße ein Atelier im Erdgeschoss. Unter dem Dach gab es einen weiteren Raum, der als »Atelier Suedhaus« bekannt war und in dem sie Grundlagen bildender Kunst an Interessierte vermittelte; etwa Aktzeichnen, Acrylmalerei oder plastisches Arbeiten. Zudem hatte sie ihre Wohnung im ersten Stock und damit sprichwörtlich »alles unter einem Dach«. Als Anfang der 2000er das Hinterhaus verkauft wurde, stand die Suche nach neuem Atelier- und Wohnraum an. Den fand sie schließlich in Offenbach nahe der S-Bahn-Station Ledermuseum, wo sie auch ihre private Kunstschule unter dem Namen »fein art« fortführen konnte. Stets darauf bedacht, die Fläche der Räume so effektiv wie möglich zu nutzen und zu gestalten. Doch schon wenige Jahre später zog es sie wieder nach Sachsenhausen, ihren alten Kiez, in ein mit mehr als 90 Quadratmetern großzügiges Atelier in der Mörfelder Landstraße. Bevor sie mit ihrer Arbeit startete, gestaltete sie auch hier den Raum erst einmal wieder um, zog Wände ein, strukturierte Arbeitsbereiche. Ankommen, einrichten, sich heimisch fühlen. Das ist ein Prinzip, nach dem sie stets für sich einen Ort zum Arbeiten schafft, und das sich immer wiederholt. So auch dann bei ihrem Umzug in Hessens größtes Künstler*innenhaus, wo sie im vierten Stock ein wirklich großes Atelier unterhielt.

Dass Holitzka bei der Gestaltung ihrer Räume funktional und ordnungsliebend denkt, zeigt sich auch auf dem Gelände der früheren Druckfarbenfabrik Dr. Carl Milchsack im Gutleutviertel, kurz »Milchsackfabrik« genannt. Mit rund 50 Quadratmetern ist dieses Atelier kleiner als im Atelierfrankfurt. Es befindet sich im Erdgeschoss im ersten Hof ganz hinten. Dort war früher einmal die Kantine der Milchsackfabrik untergebracht. Auch hier hat die Künstlerin zunächst drei Monate renoviert und umgebaut. Auf einem Teil der Fläche hat sie eigens Lagertürme gebaut, in denen sie Werke und nicht benötigtes Material geschickt verschwinden lässt. Mit dem Umzug vom Atelierfrankfurt in die Milchsackfabrik habe sie sich überlegen müssen, wie sie alles gut unterbringen könne. Und nach der Renovierung ist nicht selten vor der Renovierung. Ein Wasserschaden nach einigen Wochen setzte in den alten Gemäuern erst mal wieder Arbeit voraus. Betritt man das Atelier, so zeigt sich ein Raum, der sowohl Arbeitsraum als auch Galerie ist. Lichtdurchflutet mit hohen weißen Wänden und einem Fußboden aus Kork. »So sah es hier nicht immer aus«, sagt Holitzka und zeigt auf eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, auf der die frühere Kantine abgebildet ist. Wände und Böden waren mit dunkelgrauen Fliesen bedeckt. Sie sind noch da, nur abgedeckt durch Korkparkett und ganz dickes Papier an den Wänden, das Holitzka wie bei einer Tapete weiß gestrichen hat. Die Wände nutzt sie als Präsentationsfläche.

In Holitzkas fotografischer Baustellenserie werden neue Welten, faszinierende Landschaften und fast lebende Organismen sichtbar – spannender als viele der Bauten, welche tatsächlich aus diesen Beton- und Stahl-Fundamenten der Großbaustellen gewachsen sind. Diese formalen Strukturen aus Linien und Flächen überträgt sie aber auch als eigenständige Gestaltungselemente in ihre Arbeiten auf Papier – auch das zeigt sich an der Wand ihres Ateliers. Immer wieder diese Strukturen, die sich miteinander zu einem größeren Ganzen verbinden. Und dieses Netz aus linearen und konstruktiven Formen fängt sie auch ein in ihrer Fotografie. Die Baustellenthematik durchdringt nicht nur ihr Werk, in dem sie sichtbar macht, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, sondern eben auch das Arbeitsleben der Künstlerin. Wie wohltuend, wohl auch für sie, dass es da zumindest noch eine weitere Konstante in ihrem Leben gibt: der Hang zum Grün, sei es der magisch anziehende gewaltige Feigenbaum vor dem Fenster, die Pflanzen im Entrée zu dem Mietshaus, in dem sie wohnt (natürlich in Sachsenhausen), und last but not least der Kleingarten, den sie mit ihrem Mann nahe der Straßenbahnstation Louisa betreibt. Aber bekanntlich sind ja Schrebergärten auch nur Baustellen in lebend … (_us).

Ina
Holitzka

Frankfurt

Genre:

Bildende Künstlerin

Website:

Lebenslauf

Geboren in Frankfurt/M.

1980-86 Staatl. Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – Frankfurt/M.
Freie Plastik bei Michael Croissant, Fotografie bei Herbert Schwöbel

Studienreisen nach Südamerika, Ägypten, Amerika, Indien und in Europa
Mitglied im Deutscher Künstlerbund e.V.
Mitglied bei artmaintaunus
Lebt und arbeitet in Frankfurt/M.

Lehre (Auswahl)

2023 HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft,
Frankfurt/M.; Lehrauftrag Design in Raum und Umgebung

seit 2003 Fein Art, Künstlerisches Coaching
seit 2000 Dozentin für Kunst LGT Academy, Schweiz (bis 2003)
seit 1998 Lehraufträge für 3D Gestaltslehre / Design, Universities of Applied Sciences

Projekte und Ausstellungen

Einzelausstellungen (Auswahl)

2024 Open Studios, Atelierfrankfurt, Frankfurt
2023 Open Studios, Atelierfrankfurt, Frankfurt
2022 Open Studios, Atelierfrankfurt, Frankfurt
2021 Open Studios, Atelierfrankfurt, Frankfurt
2020 Transform, Sight Galerie, Offenbach
2019 Passage…, Ev. Akademie Frankfurt, Nacht der Museen
2017 Passage…, Open Studios, Atelierfrankfurt, Frankfurt
2015 Geh-weg-komm, Kunst am Bau, Dreieich-Sprendlingen
2013 On the Run, Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main
2011 Standläufer-Projekt, CEAAC – espace international, Strasbourg
2010 Similis – und andere Verortungen, Galerie Hafemann, Wiesbaden
2006 Quo Vadis continued, Hospital zum Heiligen Geist, Frankfurt
2005 Quo Vadis continued, Villa van Delden, Ahaus
2004 Quo Vadis, Museum Goch, Goch
1995 Zwischen – Raum, Forum Affentor, Frankfurt/M.
1992 Virtuelle Kapitelle, Kaiserpfalz Goslar
1991 Mass – Nahmen, Kunsttage Dreieich
1988 Galerie Eva Griss, steirischer herbst, Graz
1987 Raum – Ecke, Galerie forum, Frankfurt/M.

Werke: (Klicken zum Vergrößern)