Günther
Dächert

Der Hof-Fotograf

Okarben | Hang zum authentischen Handwerk

Fotos: Katrin Binner | Text: Alexandra Flieth

Man muss schon ein wenig rausfahren zu Günther Dächert. Das Wohnatelier des Fotografen liegt etwas weiter entfernt von der Innenstadt Frankfurts. Rund 40 Minuten mit der S-Bahn braucht es, um in das dörfliche Okarben zu kommen, einen Stadtteil von Karben im Wetteraukreis. Hier lebt und arbeitet der Fotograf seit seinen Kindertagen. Die Umgebung ist agrarisch geprägt. Das Atelier liegt hinten im Hof eines landwirtschaftlichen Betriebes. Die grünen Holztore zeugen davon, dass es mitten hineingebaut ist in eine ehemalige Scheune aus dem 18. Jahrhundert. Und auch Günther Dächert war vor seiner Zeit als Fotograf im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb tätig, saß auf dem Traktor und bestellte Felder. Erst als der Vater in Rente ging, machte er den Break, schulte sozusagen um und wurde Fotograf.

Das ist schon sehr lange her, mehr als zwei Jahrzehnte. Es sei schon immer sein Traum gewesen, Fotograf zu werden, sagt er. Und er entschied sich, diesen Schritt zu gehen und den Betrieb seiner Familie stillzulegen. »Ich habe in Bad Pyrmont eine Ausbildung zum Fotografen gemacht«, erzählt er, während er in der noch improvisierten Küche seines Wohnateliers einen Kaffee macht (eine neue richtige Küche wird er sich in einigen Wochen einbauen). Danach habe er sich unter anderem auf Werbefotografie spezialisiert, aber auch bereits für Publikationen die künstlerisch-fotografische Gestaltung übernommen. Legendär seine Fotos für ein Buch über regionale Schwimmbäder. Außerdem macht er seit Langem Ausstellungsdokumentationen, etwa für die Galerie Heussenstamm in Frankfurt. Dächert gehört zudem zu den Fotograf*innen, die selbst Künstlerinnen und Künstler des Projekts »Künstler. Innen. Orte.« in Szene setzen.

Zehn Jahre lang hatte er sein Atelier im Frankfurter Atelierhaus Basis gehabt. Doch dies diente vornehmlich dem Anschluss an die Szene, an die Kolleg*innen. Schließlich war er ja sozusagen Quereinsteiger. Gebraucht hätte er die Räume nicht. Denn wenn die Vergangenheit als Landwirt einen großen Vorteil hat, dann war es stets der Raum, den er zur Verfügung hat. Für einen Künstler echter Luxus. Bevor er sich denn auch sein heutiges Wohnatelier nach eigenen Vorstellungen zimmerte, habe er eine Scheune auf einem anderen Grundstück der Familie in Okarben umgebaut mit dem Gedanken, dort sein Atelier einzurichten. Mitten in den Feldern, mitten in der Natur. Er hat es noch. Aber im Moment sei dieser Ort ungenutzt. Dort habe er aber auch seinen Garten, sein Rückzugsgebiet zum Abschalten. Er selbst ist mittlerweile in sein Wohnatelier, das zuvor eine umgebaute ehemalige Stallung auf dem elterlichen Hof gewesen sei, eingezogen. Und das hat Raum pur: Rund 100 Quadratmeter stehen ihm zur Verfügung, ausreichend Platz zum Wohnen, für seine Ausrüstung und die Möglichkeit, den großzügig geschnittenen Eingangsraum, der gleichzeitig auch Wohn- und Esszimmer ist, jederzeit kurzerhand in ein Fotostudio umzufunktionieren. Dort gibt es Platz außerdem für sein Equipment, darunter eine Großformatkamera, die er auch für Aufträge aus der Werbung nutzt. Eine Rolle mit Leinwand ist an der Decke befestigt, eine von mehreren. Ausgerollt ist die Fläche dieser Rolle blau. »Die nutze ich gerne für Schwarz-Weiß-Porträtfotos«, sagt er. Es gebe aber auch Rollen in anderen Farben, manchmal hingen auch mehrere von ihnen gleichzeitig. Fotografen balancieren oft zwischen Brotjob und Künstlerdasein; bei ihnen zum Glück nah beisammen.

Das Innenleben seines Ateliers hat Dächert übrigens komplett selbst gebaut, energetisch saniert, beheizt mit Klimaanlage. Geholfen haben lediglich ein paar Freunde immer mal wieder. Auf dem Land kennt man sich und hilft sich. Wenn man sich umschaut im Wohnatelier, fällt auf: Dächert hat ein Faible für Retro und für das Authentische. Tisch und Stühle aus dem vergangenen Jahrhundert etwa (oder Nachbauten davon). Und er zählt noch weitere »Schätzchen« in seiner Ausrüstung auf, alte Plattenkameras aus Holz, die er zusammenklappen und überallhin mitnehmen kann. Eine der beiden Kameras sei noch gar nicht so alt, wie sie aussehe. Sie sei vermutlich in den 50er Jahren als eine der letzten ihres Modells produziert worden. Das Objektiv aber sei noch aus dem Jahr 1928. Die zweite Kamera, ein baugleiches Modell, stamme aus dem Jahr 1908, ebenso das Objektiv. Die Kamera aus den 50er Jahren hat er so angepasst, dass er diese auch ganz spontan ohne eine größere Vorbereitungszeit im Freien einsetzen kann. Statt wie einst auf Glasplatten, fotografiert er damit auf Fotopapier. Die Aufnahmen entwickelt er dann in seiner Dunkelkammer, die er sich ebenfalls hier eingerichtet hat. Dächert möchte sich künftig verstärkt auf die Porträtfotografie mit Großformatkameras spezialisieren. Dabei ist Schwarz-Weiß eine besondere Leidenschaft von ihm. Dass zeigen auch die gerahmten Aufnahmen, die an der Wand seines Wohnateliers hängen. »Mir geht es um das künstlerische Porträt, so wie es auch vor etwa 100 Jahren entstanden ist. Echte Fotografie, die echt bleibt«, betont er. Das spektakulär Unspektakuläre. Authentizität, das Modewort, ist bei Günther Dächert in sehr vielem keine leere Floskel. Er lebt sie hier auf seinem Hof mehr als vielleicht viele andere … (_us.)

Günther
Dächert

Karben-Okarben

Genre:

Fotografie

Lebenslauf

Geboren in Karben

2003 Fotografische Ausbildung bei
Raimund Stöppler in Bad Pyrmont
2005 Nach Abschluss freier Werbefotograf
in Frankfurt
2008 Atelier im Atelierhaus Basis, Frankfurt
(bis ins Jahr 2020)

Buchprojekte

2010 Bildband Bad Pyrmont
2013 entlangdermainzer, interdisziplinäres Kunst- und Kulturprojekt
2015 Wasser_Wein_Brot, für evangelische Akademie und Dommuseum.
2018 Buchprojekt Public Swimming
2022 Lebt arbeitet in… Kulturschaffende und ihre Orte

Projekte und Ausstellungen

2002 OF Marktplatz · Rotari Klub Offenbach
2004 Beton versus Atlasgebirge Marokko · Barcelona
2005 Bewegung · Bad Pyrmont
2007 Prepositions · Fotografien in der Villa Sondheimer Frankfurt
2009 Sommerschau basis · zu den Open Doors Frankfurt
2009 Lautlos · Museum für Kommunikation Frankfurt
2010 Sommerschau basis · Arbeiten zu den Open Doors Frankfurt
2012 Ateliertage Frankfurt
2014 Wege · Galerie Lux Kalazno Ungarn
2014 Wege · Vollnhofer Artstudio Budapest
2015 20 Bilder für die Dauerausstellung im Museum Bad Pyrmont
2019 Blau · Projektraum Basis Frankfurt
2021 Wald · Projektraum Basis
2021 Lebt arbeitet in… Teil I · Heussenstamm Galerie Frankfurt
2022 Lebt arbeitet in… Teil II · Heussenstamm Galerie Frankfurt
2023 Projektbilder Flüssigkeiten · Galaabend des Ministeriums
für Wissenschaft und Kunst, Staatstheater Darmstadt

Werke: (Klicken zum Vergrößern)