Anna
Bieler

Die die Gemeinschaften macht

Wiesbaden | Wohnprojekt, Atelierhaus und der Süden

Fotos: Marie Schwarze | Text: Volker Stahr

»Irgendwie wollte ich schon immer in Gemeinschaften leben«. – In der Tat: Dass es hier viel Leben und Gemeinschaft gibt, kann man fast spüren, wenn man im Innenhof des über 100 Jahre alten backsteinernen Mietshausensembles mit den typischen Vor-, Mittel- und Hinterhäusern im Wiesbadener Feldherrnviertel steht. Genauer: in den zwei Innenhöfen, dem kleineren vorne mit dem alten, schattenspendenden Baum und dem Sandkasten, dem größeren, lang gezogenen hinten mit dem einladenden Holztisch in der Mitte. An drei Seiten jeweils ziehen sich die teils begrünten Hausfassaden gen Himmel, an einer Seite jeweils ist der Blick offen zu anderen alten Mietshäusern vergangener Jahrhunderte in der Nachbarschaft. Nur kleine Flachbauten, vor allem für Büros, begrenzen dies hier. Fast zwei Dutzend Parteien leben rund um diese Höfe und haben sich fast alle gesucht und gefunden. Seit rund zweieinhalb Jahrzehnten firmieren sie als Wohnprojekt Gemeinschaftlich Wohnen in der Blücherstraße.

Altbaucharme pur haben auch die Wohnungen, wie die der Künstlerin Anna Bieler und ihres Mannes Michael. Dielen, Flügelfenster, kleine Balkone, geräumige Küche. Bezahlbarer Altbaucharme aber hier. Rund 1000 Euro für eine durchschnittliche Wohnung. Ein guter Preis für Wiesbaden. Es sind allerdings auch fast alle Bewohner*innen Teilhaber*innen und/oder Bewohner*innen sozial geförderter Wohnungen. Die meisten haben eine Einlage im fünfstelligen Bereich gemacht. Mieterwechsel gibt es nur, wenn jemand freiwillig wegzieht. Nach und nach hat die Gemeinschaft in den letzten Jahrzehnten Vorder-, Mittel- und Hinterhaus von der Stadt übernommen. Und nach und nach saniert, auch energetisch, zuletzt mit Solaranlagen auf dem Vorderhaus. Vor allem aber: für sich selbst saniert. Vieles ist Gemeinschaft: Versammlungsräume, Spielstuben (für Kinder und für Erwachsene), Waschmaschinenkeller, die (neue) Sauna im Dachboden, der Werkraum im Keller, die traumhafte Terrasse über allem. Ein kleines Detail: Im Versammlungsraum erhalten Migrantinnen Sprachunterricht, ihre Kinder derweilen in der Spielstube Betreuung. Zudem ist jede/r in der Anlage für etwas verantwortlich. »Ich kann«, so Bieler, »mir anderes Wohnen gar nicht mehr vorstellen. Vielleicht ziehen wir höchstens im Alter in eine kleinere Einheit um«. Auch das ist hier möglich.

Wobei es noch einen weiteren Grund für eine kleinere Wohnung gibt. Anna Bieler wurde in Griechenland geboren. Die Familie hat viel im Ausland gelebt. Eine zweite Heimat ist später Portugal geworden, wo die Mutter heute lebt und ein Haus hat. Bieler verbringt immer wieder im Jahr auch Zeit dort, gerne mehr, wenn in einigen Jahren ihr Mann in Rente ist. Auch dort am Meer lebt die Familie sehr in Gemeinschaft. Doch dies wäre jetzt eine weitere Geschichte. Deshalb Szenenwechsel zurück nach Deutschland und Wiesbaden: ein schon ziemlich schmuckloses Bürogebäude am Rande der Stadt im Industriegebiet am Rhein. Auch dort macht Bieler in Gemeinschaft. Eine ganze Etage hat die Künstlerin gemietet und in ein Atelierhaus en miniature verwandelt. An rund ein halbes Dutzend Künstler*innen hat sie untervermietet. Selbst hat sie ein mittelgroßes schlichtes Atelier, mit Blick auf Bäume und Richtung Fluss. Spärlich eingerichtet, kontrastiert es auffällig mit ihrer von Farbe dominierten Kunst. Malerei, oft sphärische Motive. Menschen, Tiere, oft großformatig. Im Gespräch mit ihr erfährt man, dass es meist um Beziehungen und Beziehungsgeflechte der Figuren zu anderem und anderen geht. Nichts scheint absolut zu sein, alles verbunden. Eine Blaupause fast ihrer Wohn- und Arbeitsortprojekte? Oder umgekehrt?

Auch die Atelieretage atmet Gemeinsamkeit, doch wie schon die Wohnanlage auch gepaart mit Eigenem. Während der Fotoaufnahmen lugt Künstlerkollege Roman Mikos um die Ecke, schaut herein, mischt sich kurz hinzu. Es sei, so Bieler, schon ein Nebeneinander der Künstler*innen, das sich aber auch mal befruchten kann. Mindestens einmal im Jahr gibt es offene Ateliers, gemeinsam mit anderen Atelierräumen am Rhein; initiiert auch einst vermutlich von Bieler. Ein eigenes Atelierhaus? Nicht das übliche öffentliche Modell? Ja, es mache auch Arbeit. Aber vielleicht doch etwas weniger als ein Verein. Aber es macht offensichtlich auch unabhängiger. Und in diesem Falle gibt es Bieler auch noch eine ganz neue Erfahrung: eine Tür, die frau schließen könne. »Das hatte ich selten so im Leben«, sagt sie. Und man spürt, dass sie es auch durchaus mal zu schätzen weiß … Zumindest »auch mal« … (_us.).

Anna
Bieler

Wiesbaden

Genre:

Bildende Künstlerin

Aktuelles:

Wohnprojekt (Link)
https://www.gemeinschaftlich-wohnen.de/

AtelierEins (Link)
https://www.instagram.com/atelier_eins_wiesbaden/#

Lebenslauf

1968 Geboren in Thessaloniki, Griechenland
aufgewachsen in Griechenland , Deutschland und Portugal

Studium der Freien Bildenden Kunst
an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz
1997 Diplom in Malerei bei Prof. Klaus Jürgen-Fischer

2003 Mitgründung des Wohnprojekts Gemeinschaftlich Wohnen eG
Einzug mit Ehepartner, Sohn und Tochter

2021 Gründung der Ateliergemeinschaft ATELIEReins in Wiesbaden

Vorstandsmitglied im BBK Wiesbaden

lebt und arbeitet in Wiesbaden und Südportugal

Projekte und Ausstellungen

Einzelausstellungen (Auswahl)

2026 Das Kreisen der Dinge · Galerie im Thalhaus, Wiesbaden
2024 en passant, mit Christiane Steitz · BBK-Schaustelle, Wiesbaden
2022 Sein und Schein, mit Susan Geel · Galerie im Burggrafiat, Alzey
2019 Neosurrealistische Lebenswelten · Kunstverein Ingelheim
2018 Vom Miteinander, vom Mensch-Sein · Wehener Schloss, Taunusstein
2015 Sinn und Wahn · Galerie im Thalhaus, Wiesbaden
2011 Galeria Moldopoli · Lagos, Portugal
2007 Kommunale Galerie · Schlangenbad
2005 Galeria Porca Preta · Serra de Monchique, Portugal
Galerie Rodolfo – arte y comunicación, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2026 Fresh Legs · Inselgalerie, Berlin
2025 body shapes · BBK-Schaustelle, Wiesbaden
2022 Poweron · Salón de Exposiciones, Casa Castilla la Mancha, Pinto, Madrid
Corona Echo · Kunstforum Mainturm, Flörsheim am Main
Scout · Galleri Heike Arndt DK, Kettinge, Dänemark
2021 Healing – Leiden und Hoffnung · Tandem Art Space, Heidelberg

Werke: (Klicken zum Vergrößern)