Fotos: Michael Leukel | Text: Volker Stahr
Eltville ist in gewisser Weise Rheingau pur. Weingüter gibt es hier gefühlt an jeder dritten Ecke. Gesellig beim Wein drinnen und draußen zusammensitzende Menschen ebenfalls. Eine pittoreske Altstadt mit vielen Fachwerkhäusern, alten (Adels-) Höfen, Kirchen, Kopfsteinpflaster. Geschichte auch noch, waren hier doch einst Gutenberg und der eine oder andere jener Adligen zu Hause. »In dem Haus, das da gerade renoviert wird …«. »Dort war Gutenberg zu Hause«. »Durch diese kleine Pforte geht es in den Burggarten«. »Der Mann auf dem Denkmal?« Oops. Da war Petra van Husen tatsächlich mal überfragt. Doch das kommt sehr selten vor.
Petra van Husen, Fotografin, wohnt seit sehr vielen Jahren hier in Eltville. Am Stadtrand in einem kleinen Bungalow. Mit Kind und zwei Hunden. Mit Blick in die sanften Hügel und die Felder. Und sie ist hier zu Hause. Zu Hause ist sie neuerdings aber auch gleich im doppelten Sinne mitten in Eltville. In einer kleinen Altstadtgasse zwischen Fachwerkhäusern, einem Lokal auf einem offenem Platz, Kopfsteinpflaster und dem postkartenartigen Blick auf die Kirche liegt ihr »Weissraum«. Ein pures Ladenlokal mit Fotografie(n) an den Wänden der beiden Räume. Auf dem Tisch ein paar Kataloge, sorgsam dahindrapiert. Im Hintergrund der Schreibtisch. Wenig lenkt von der Kunst ab. Außer vielleicht im hinteren Raum der Blick durch die Fensterfront auf die blau-weiße Fachwerkfassade gegenüber.
»Eigentlich ein idealer Ort«, sagt van Husen, die erst seit einem Jahr das kleine Ladenlokal als Galerie führt. Und, das muss man sagen, durchaus hochwertige, teils internationale Künstler*innen zeigt. Im Sommer, an den Wochenenden oder an warmen Abenden zieht es die Menschen aus Wiesbaden und Mainz, sogar aus dem ferneren Frankfurt gerne hierher. Hinzu kommt, dass Eltville als Touristenort auch sonntags seine Geschäfte geöffnet haben darf. Gute Gelegenheit(en) also zum Bummeln und Shoppen. Oder auch mal zum Kunstschauen. Doch wie gesagt: Eigentlich, denn suchen würde man die Galerie hier nicht, mitten im Rheingau in der Altstadt. Man kann sie zufällig beim Bummel oder Schlendern durch die Gassen finden. Oder man muss es wissen. Gut und schlecht also zugleich. Dass es mehr Leute wissen, daran arbeitet van Husen. Neben den Vernissagen von drei, vier Ausstellungen pro Jahr nimmt sie an offenen Ateliers am Rhein teil oder organisiert selbst für den Herbst eine Art offener Kunsträume mit zwei befreundeten Künstler*innen und vielleicht einigen weiteren, die sich drumherum anschließen wollen werden. Auf gut ein Dutzend ernsthafte Kulturschaffende beziffert sie die Dunkelziffer umliegender Ateliers.
»Eigentlich« ist ein Wort, das öfter auftaucht im Gespräch mit Petra van Husen. Denn eigentlich ist es auch keine Galerie im klassischen Sinne. Die Fotografin dachte eher an ein eigenes gut gelegenes Mix aus Atelier und (eigenem) Showroom. Gesucht hatte sie sogar zuerst mit einer Kollegin in Wiesbaden. Kurz waren sie fündig geworden, wurden sich dann aber gewahr, dass dies ständiges Pendeln bedeuten würde, und sie auch kaum vernetzt wären. Das ist anders im beschaulichen 17.000-Einwohner*innen-Ort. Den Bürgermeister kann van Husen direkt anrufen (wenn er nicht gerade zufällig mal vorbeiläuft), das Bauamt kümmert sich auch, Kolleg*innen kennt sie alle. Publikum und Käufer*innen viele. Und dann stand da ein Friseursalon leer. Die Vermieter waren durchaus interessiert am Kunstkonzept. So interessiert, dass sie auch einen guten Teil der Renovierungen übernahmen. So wurde daraus nun eine Mischung aus Galerie, (eigenem) Showroom und Atelier. »Fruchtbaren Boden« könnte man das also nennen, worauf Petra van Husen ihren »Weissraum« aufbaut. Wobei Weißraum in der Gestaltung freien Raum meint; auch der, der Inhalte besser zur Geltung kommen lässt. Ein guter Name also für Galerie wie Showroom. Wahrgenommen wird er aber offenbar zuerst als Galerie, obwohl sie den Begriff so eigentlich nicht mag. Oder zumindest noch nicht mag. Denn eigentlich, um wieder zu diesem Wort zurückzukommen, kann sie Künstler*innen zumindest bisher noch nicht den Full Service einer Galeristin bieten. Dazu fehlt, zumindest bisher, noch das Netzwerk und die Bekanntheit. Doch dafür bringt sie in doppelter Hinsicht ungewöhnliches Handwerkszeug mit.
Denn eigentlich ist die gebürtige Düsseldorferin viele Jahre in der Bankbranche unterwegs gewesen, lebte u.a. in London und in Südafrika, hatte zuvor auch schon in Barcelona studiert. Immerhin: Dieser Teil ist eine gute Basis für die Geschäftsfrau, die eine Galeristin ja auch sein sollte. Erst vor ein, zwei Jahrzehnten sattelte sie um, studierte noch mal Fotografie in Linz und hatte nach und nach ihre ersten Ausstellungen. Konzeptionelle, narrative Themen sind ihr Fokus. Prominent ein verschwommenes Wimmelbild der etwas anderen Art von der Central Station und den vielen Menschen dort. Oft arbeitet sie mit dem Ungefähren, mit Unschärfen, lässt Spielräume aufscheinen. Das Rüstzeug der Fotografin gibt ihr dabei auch das Rüstzeug, Fotografie und Fotograf*innen beurteilen zu können. Zumindest ein interessanter Einstieg in das Metier der Galeristin. Im Versuch, das ungewöhnliche Experiment zu wagen, eine Galerie abseits der Metropolen zu etablieren. Denn ein Paradox ist es schon: Ein Ort, wie gemalt für eine Galerie. Und doch ein solcher, wo normalerweise sehr selten eine ist. Ausgang also offen. Wenn es nicht klappen sollte, bleibt immerhin der Showroom der Künstlerin selbst an diesem Ort. Doch in gewisser Weise ist damit auch der Weissraum geprägt von eben jenem Ungefähren und jenen Spiel-Räumen, die sich auch in ihren Fotografien finden. Spannende Experimente beides … (_us.)
Geboren in Düsseldorf.
Studium in Köln und Barcelona
Berufstätigkeit im Corporate Finance – Düsseldorf, London, Hamburg, New York,
mehrjährige Auslandsaufenthalte in Spanien, USA, Südafrika
2016–2019 Studium der Fotografie an der Prager Fotoschule Linz, Schwerpunkt narrative und konzeptionelle Fotografie
2021 Diplom / Master Class, Abschlussarbeit Sundays I Am Off
Seit Sommer 2025 weissraum. Atelier für Fotografie, Eltville am Rhein.
Ort für zeitgenössische, narrativ-konzeptionelle Fotografie – mit wechselnden Ausstellungen und Workshops.
Lebt und arbeitet in Eltville am Rhein und Franschhoek (Südafrika).
Ausstellungsteilnahmen (Auswahl)
2026 Heat · Linz
2026 Kurze Nacht der Galerien · Wiesbaden
2026 Cut · Rathaus Wiesbaden
2025 alles ausser gewöhnlich · Kurze Nacht der Galerien, Wiesbaden
2025 Das Gute behalten · Künstlergruppe Römerberg, Mainz
2024 Linzer Kunstsalon · Tschick Galerie, Linz
2024 bewegt! · Künstlergruppe Römerberg, Rathaus Wiesbaden
Seit 2024 Eltviller Ansichten · Domherrenkammer
der Kurfürstlichen Burg Eltville (Dauerausstellung)